DÉTOURS

In den letzen beiden Jahren hat Sylvie Arlaud aus dem Konzept der BEATLES und PASSANTEN ein neues Thema entwickelt: DÉTOURS - UMWEGE.

Die Protagonisten des neuen Sujets sind Mahatma Gandhi und Boris Vian. Eine Lichtgestalt und ein rebellischer Künstler folgen als konträre Individuen auf die revolutionäre Band. Kunst als Aufschrei: Konsequent bleibt Sylvie Arlaud ihrem Motto treu und wählt wiederum Persönlichkeiten, die für Veränderung und Aufbruch stehen. Beide eint der Mut, ihre politischen und gesellschaftlichen Ansichten in die Öffentlichkeit zu tragen, auf kompromisslose, radikale Art. Gandhi kämpft mit friedlichen Mitteln (Märsche, Boykott, Hungerstreik) gegen die Unterdrückung des eigenen Volkes, Vian schreibt, singt und musiziert gegen festgefahrene Moralvorstellungen und politische Missstände. Sie sind genau wie die Beatles ihrer Zeit weit voraus.

Sylvie Arlaud beschränkt ihre schon seit den PASSANTEN sehr reduzierte Farbpalette jetzt ausschließlich auf Schwarz-Weiß-Töne. Das hat zweierlei Vorteil. Die neuen Gemälde erhalten den Stil einer Reportage und sie entsprechen den Charakteren der Bildfiguren. Gandhi ist der Erleuchtete, der Asket in leichtem Gewand. Seine Farbe ist weiß, strahlend. Neben ihm kommt das Dunkle, das Boris Vian umgibt, erst recht zur Geltung. Der Nachtmensch, der sich in schwarze Anzüge kleidet und über dem durch eine Herzschwäche seit früher Jugend stets der Tod schwebt, ist das perfekte Pendant.

War in den vorausgegangenen Arbeiten der Bildraum als Bühne für vielerlei zusammengestellte Einzelszenen konstruiert und damit auch zunehmend anonym geworden, so setzt jetzt eine Umkehrung ein. Der Raum verliert an Ausdehnung, er schwindet zugunsten der Figur, bis er schließlich zum Innenraum wird, der sich hinter den Gesichtern der Protagonisten entwickelt. Einer Fotografin gleich arbeitet Sylvie Arlaud mit unterschiedlichen Brennweiten. Sie zoomt ihre Figuren immer stärker heran bis zum formatsprengenden Porträt.

Dabei ist die Spannung zwischen gegenständlichen und abstrakten Elementen stets vorhanden. Je kleiner aber der Raum wird, umso deutlicher werden individuelle Züge.

„Natural Mystic“ und „L’Automne à Pékin“ weisen die für Sylvie Arlaud typische Raum-Figuren-Durchdringung auf. Die expressive Malweise schafft eine große Dynamik und betont die Tätigkeit der beiden Personen, die nur umrisshaft zu erkennen sind. Wanderstab und Trompete dienen als Attribute, die Gandhi und Vian ihre Identität im Bild verleihen. „Galata“ ist der Auftakt für eine Reihe von Bildern, in denen sich Gandhi und Vian begegnen dürfen. Im wahren Leben ist dies nicht geschehen. Wieder nutzt Sylvie Arlaud die Mittel der Fotomontage, um eine Bildwelt zu konstruieren, die aus Versatzstücken unterschiedlicher Realwelten besteht: Ein Kunstgriff, um die gleiche Gesinnung der beiden herauszustellen. Über Körpersprache und Mimik baut Sylvie Arlaud Vertrautheit auf. Gandhi und Vian wirken auf den Betrachter wie ein altes Freundespaar. In den Einzelporträts löst Sylvie Arlaud die Gesichter partiell auf oder lässt sie in maskenhaften Zügen erstarren. Dieser Balanceakt zwischen Auflösung und Verdichtung schafft eine Barriere, die den Betrachter irritiert und zu längerem Hinschauen zwingt. Der Blick öffnet sich für den Raum, der hinter der Gesichtsfassade liegt, nämlich für das Denken.

Mit DÉTOURS gelingt Sylvie Arlaud die Rückkehr zu einer stärkeren Figuration ohne plakativ zu sein. Die Austauschbarkeit der bisher anonym gehaltenen Gestalten weicht einer Re-Individualisierung. Der Betrachter schlüpft nicht mehr in die Rolle der Figur, sondern er findet ein Gegenüber, mit dem er kommunizieren kann.

Stefanie Schwarzbach, Kunsthistorikerin, Oktober 2008




Passanten

Als Paul Gauguin 1897 sein berühmtes Bild "Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?" schuf, weilte er schon seit geraumer Zeit auf Tahiti, fernab jeder hektischen Zivilisation. Auf breitem Format kombiniert er Motive aus früheren Gemälden, um die Frage des Seins in einem großen Bogen, von der Geburt bis zum Tod, abzuhandeln. Figurengruppen illustrieren dabei Stationen des Lebens, die jeder Einzelne von uns durchschreiten muss.

Obwohl Sylvie Arlaud in einer völlig gegenläufigen Welt lebt und arbeitet, werfen ihre Bilder doch genau dieselben Fragen auf. Als sozial-kritische Künstlerin braucht sie nicht die Abkehr von der Zivilisation, um zu philosophisch-ernsten Bildinhalten zu gelangen, sondern gerade den direkten Blick darauf. Ihre Bildkulisse ist die moderne Großstadt, in der sich ein Strom von Menschen bewegt, anonym und zufällig: Passanten.

Dabei hat sie eine Vorstellung von Großstadt im Kopf, die keinem glitzernden Werbeprospekt (Stadt mit schöner Skyline) entspringt. Für sie ist die Stadt ein Moloch aus Plätzen und Straßenzügen mit kalten Häuserfassaden, hinter denen Gefahr lauert und häufig Armut herrscht. Ihr Stadtbild gleicht einem schnell hochgezogenen Vorstadtviertel.

Die Thematik der Großstadt transportiert sie durch wenige, dezente Andeutungen. Liniengerüste symbolisieren in der Vertikalen eng stehende Wohnblocks oder imitieren spiegelnde Fensterflächen. Sie riegeln den Bildraum nach hinten ab. Am Boden liegend, fungieren sie als perspektivisches Muster, das betretbare Räume schafft. Eine nüchterne Bühne entsteht, die im überdimensionalen Querformat Straßencharakter hat. Der Passant, der ja per Definition ein Vorüberschreitender ist, erhält Lauffläche.

Sylvie Arlauds Passanten sind entindividualisierte Figuren, öfters gesichtslos, fast wie Schattengestalten. Sicher, man erkennt noch Details der Kleidung, die eine vage Einschätzung des Geschlechts erlauben oder eine Unterteilung in Erwachsene und Kinder. Aber darauf kommt es nicht an. Der Umriss zeichnet einen anonymen Körper in Bewegung. Unweigerlich denkt man an bildhauerische Themen: der Gehende, der Schreitende, der Hastende, der Rennende, der Verweilende, neuerdings auch der Kauernde.

Ihre Figuren sind nicht plastisch ausmodelliert. Es sind flächige Gestalten, die Zeitungsvorlagen oder Fotografien entnommen sind. Sie entstammen einer zweidimensionalen, vorformulierten Realität und werden von der Künstlerin ein zusätzliches Mal durch Fotomontage "manipuliert". Die Vorlagen zeigen Berühmtheiten, wie die Beatles, Elend, in Form eines palästinensisches Vaters, seinen Sohn schützend, eine alte Frau auf einer Flaniermeile, ein weglaufendes Kind. Der ursprüngliche Informationsgehalt geht durch die bildnerische Bearbeitung verloren.

Sylvie Arlaud behandelt alle Figuren in ihren Bildern gleich, egal, welchen Stellenwert sie in der Realwelt innehaben. Das entspricht ihrer Vorstellung von der Straße als Ort der zufälligen Begegnung, ihrer Vorstellung vom Leben. Menschen unterschiedlichster Herkunft treffen aufeinander, aus den unterschiedlichsten Beweggründen, mit den unterschiedlichsten Zielen, zu den unterschiedlichsten Zeiten. Manche ahnen die Gefahren nicht, die sie bedrohen, andere sind vor Todesangst zusammengekauert, sehnsüchtig oder ohnmächtig, ignorant oder mitfühlend, berühmt oder nicht.

Reduziert auf einen körperlichen Bewegungsimpuls sind ihre Figurengruppen gleichzeitig anonyme Menschenmasse und dynamische Vibration. Richtungsgebunden durchschreiten sie den Bildraum. Sie sind konstruiert für den Betrachter. Wie eine Herde von Lemmingen ziehen sie, in Seitenansicht, an ihm vorbei, stürmen immer größer werdend, fast bedrohlich, auf ihn zu oder wenden sich geschlossen von ihm ab und entschwinden im Bildhintergrund. Der existenzielle Ausdruck eines Gefühls, wie ihn etwa Edvard Munch in "Der Schrei" in ein Gesicht legt, wird hier verteilt auf eine anonyme Massenbewegung.

Der Mensch befindet sich bei ihr in Auflösung. Ohne Mimik und Gestik ist er zu einem austauschbaren Objekt geworden, das problemlos mit dem Bildraum verschmolzen werden kann. Verwischungen, sich überlagernde Farbschichten, lasierender Farbauftrag, sorgen dafür, dass sich die Figur partiell mit dem Raum verbindet. Oft versinken Extremitäten, die nicht der Körperbewegung dienen, im angrenzenden Farbton. Figur und Raum durchdringen sich. Sie greifen als transparente Elemente ineinander. Stark wird dieser Effekt durch Spiegelungen, Wiederholungen und Brüche verstärkt.

Die Farbe ist losgelöst von der Form. Die Künstlerin nutzt die Erkenntnisse der Farbenlehre und setzt oft flächiges Rot als Vorwärtsimpuls ein oder schafft Sogwirkung durch kalte Blautöne. Unterstützt durch die Dynamik von Rot-Blau, gerät das mehrschichtige Figuren-Raum-Gebilde in Vibration.

Zunehmend verzichtet sie aber auf starke Farbkontraste. Bemüht, die Durchdringung von Raum und Figur voranzutreiben, schwächt sie durch Beimischung von Schwarz-Weiß-Tönen den Eigenwert der Farben ab. Die einzelnen Flächen werden dichter ineinander verwoben. Verschiedene Grautöne beherrschen nun das Bild und entwerfen eine eingetrübte Grundstimmung, die zur Großstadtproblematik passt.

An dieser Stelle muss man deutlich zwischen Gemälden und Collagen unterscheiden. Ihre Freude an Farben kombiniert sie in ihren Collagen. Die bunten Farbflächen, die zu Formen geschnitten und im Raum montiert werden, entstehen sozusagen nebenbei beim Malen. Bevor sie eine Farbe auf die Leinwand aufträgt, probiert sie deren Wirkung aus. Diese Farbtests, die direkt neben der Leinwand auf Papier entstehen, dienen als Ausgangsmaterial für die Collagen.

Seit 2002 arbeitet Sylvie Arlaud an dem Thema Passanten. Ausgehend von einer Fotografie der Beatles, das die berühmten Pilzköpfe als lockere Vierergruppe mitten auf dem Marsfeld in Paris zeigt, entwickelt sie erste Ansätze zur Anonymisierung der Figuren und zur Gestaltung des Bildraumes. Figurengruppen staffeln den Raum, der deutlich durch ein perspektivisches Liniengerüst erzeugt wird. Diese ersten Arbeiten wirken noch sehr plastisch. Raum und Figur sind längst noch zu keiner transparenten Einheit mutiert.

In den letzten fünf Jahren hat sie diese Ansätze konsequent weiterentwickelt. Ihre Figuren entstammen nun ganz unterschiedlichen Wirklichkeiten, ausgesucht, um im Bild bestimmte Funktionen zu übernehmen, als der Flüchtende oder der Gebeugte beispielsweise. Wie eine Regisseurin der "Nouvelle Vague", montiert Sylvie Arlaud Einzelbilder – abrupten Szenenwechseln gleich – in einen fragmentarisch-konstruierten Bildraum. Ihre flüchtigen Gestalten scheinen Aufnahmen öffentlicher Webcams entnommen, ohne weitere Hinweise auf deren Ausstellungsort. Zeit und Ort sind beliebig austauschbar.

Der Bildraum und die Bildfiguren sind so anonym gehalten und ineinander verschränkt, dass sich der Betrachter in jeder dieser Gestalten wiederfinden kann. Deshalb rufen Sylvie Arlauds Passanten komischerweise ein Gefühl von Vertrautheit in uns wach. Unmittelbar fühlen wir uns betroffen, werden nachdenklich und eben die Fragen steigen in uns auf, die hier eingangs erwähnt wurden.

Stefanie Schwarzbach, Kunsthistorikerin, Oktober 2007




"Vier Pilzköpfe als Symbole und dunkle Schattengestalten"

"... Während ..., projeziert Sylvie Arlaud diese Aufbruchstimmung in die vier Pilzköpfe, die von den 60er Jahren bis heute für die Emotionen der jungen Generation Pate standen. In verschiedenen Arbeiten avancieren die Beatles zu mystischen Schattengestalten, treten heraus aus dem rot-grauen Äther der Vergangenheit, platzieren sich im temporären Zentrum einer Entwicklung, die mit perspektivischen Mustern den Raum durchfurcht. Ob als dunkle Silhouetten vor dem hellblauen Horizont oder als poppige Collagen, das Vierergespann reift zum metaphysischen Motto, zum Symbol für die umwälzende Kraft einer Revolution, gleichsam ruhig, Ehrfurcht gebietend und ein wenig bedrohlich. ..."

Tobias Öller, Merkur Miesbach, Dezember 2004




Zu den Beatles-Gemälden im Rahmen der Ausstellung "Junge Kunst 04", Galerie auf der Grieser Schmid Point, Miesbach

Körper und Raum ist auch ein Thema, mit dem sich Sylvie Arlaud befasst.

Ihr Ausgangsmaterial ist ein Foto von Terence Spencer, das „Die Beatles" zeigt. Die englische Popband steht dabei als Symbol für den Aufbruch in eine neue Zeit, als eine Ikone der Veränderung und Bewegung.

Sylvie Arlaud spielt mit den Gegensätzen bekannt, berühmt - unbekannt, undefinierbar.

Die Berühmtheit der Beatles wird aufgelöst in Anonymität. Wie aus dem Nichts tauchen die Figuren als Schattengestalten auf. Dunkel, gesichtslos, lebensgroß. Sie schreiten vorwärts auf den Betrachter zu und wirken fast ein wenig bedrohlich. Dazu bedarf es eines Raumes, den Sylvie Arlaud mittels eines perspektivischen Liniengerüsts aufbaut. Die unregelmäßigen, architektonisch anmutenden Strukturen gewinnen im Vordergrund an Klarheit, was den Vorwärtsimpuls betont. Auch die Farbgebung unterstützt diese Dynamik: Rot presst das Bildhintere nach vorne. Blau schafft Sogwirkung nach hinten. Der transparente Farbauftrag verbindet die Figuren mit dem Raum. Gestisch, dynamisch hingeworfene Farbschichten durchdringen sich und lösen die Figuren partiell auf.

Sylvie Arlaud interessiert sich für die Übergänge zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Konkretem und Abstraktem. Prozesse des Auflösens und Verdichtens verleihen ihren Bildern eine dynamische Vibration.

Stefanie Schwarzbach, Kunsthistorikerin, Nobember 2004


L'Association Des Artistes Chatillonnais (ADAC) vous invite à venir du 13 au 28 Octobre 2007 visiter son grand Salon d'Arts Plastiques. Cette année, nous avons l'honneur d'accueillir un artiste aux multiples facettes dont l'univers onirique et fantastique ne manquera pas de vous surprendre: Jean-Pierre ALAUX.
Plus de 120 artistes exposerons à ses côtés, et notamment Sylvie ARLAUD. Vivant depuis plusieurs années à MUNICH ou elle à fondé le groupe "l'Arc- Der Bogen" cette artiste vous fera découvrir un nouvel "Expressionisme" dont l'étrangeté nous donne parfois l'impression de "vivre un rêve éveillé".
ADAC 2007